ASMS Meeting 2010 - eine Rückschau

Mitchell einiger Verspätung nun endlich meine Eindrücke vom diesjährigen Treffen der American Society of Mass Spectrometry (58th ASMS Conference on Mass Spectrometry and Allied Topics). Der Name zeigt schon zwei Dinge: Es geht um Massenspektrometrie und es findet in (Nord-) Amerika, meistens in den USA statt.
Es war meine zweite “ASMS”, ich wusste daher viel besser als letztes Jahr was auf mich zukommen würde und sah dem ganzen Konferenzspektakel viel entspannter entgegen.

Austragungsort der Konferenz war diesmal Salt Lake City, Utah. Eine Stadt (und auch ein Bundesland) mit der zumindest ich vorher außer dem Offensichtlichen, der Kirche der Heiligen der letzten Tage (The Church of Jesus Christ of Latter-day Saints) und dem Salzsee, nicht viel verbinden konnte.

Etwas abschreckend war die Aussicht auf einen doch sehr langen Flug, da es kaum Direktverbindungen von Europa nach SLC gibt. Glücklicherweise war die Anreise weit weniger anstrengend und unbequem als ich befürchtet hatte. Selbst zehneinhalb Stunden in einer Boeing 777 gehen irgendwann vorbei, vor allem wenn das Entertainment System der Maschine gut funktioniert, was nicht unbedingt bei allen Fluggesellschaften der Fall sein muss.

Beim Anflug auf Salt Lake City hat man einen schönen Blick auf die eindrucksvolle Umgebung von Salt Lake City. Die Stadt liegt in einem Tal, das ringsherum von hohen und in unserem Falle noch von Schnee bedeckten Bergen umgeben ist. Auch kann man den wirklich riesigen Salzsee aus dem Flugzeug schön bewundern.

Salt Lake City selbst ist nicht besonders groß und wirkt wie eine typisch amerikanische Stadt. Das Stadtbild ist geprägt von großen Straßen (SLC ist auch ein wichtiger Verkehrsknoten, so dass die Highway Kreuzungen schon aus der Luft auffallen) und in der Innenstadt auch von halbwegs hohen Gebäuden.
Sofort bemerkt man die hohe Dichte von Hotels und Banken. Die Stadt lebt unter anderem von den beiden großen Konferenzzentren, was man ihr auch ansieht.

Dann ist da noch die Kirche der Latter Day Saints. Und ja, man bemerkt ihren Einfluss. Bemerkenswerte Gebäude der Kirche sind der Temple mit dem ganzen Temple Square, welcher unter anderem noch den Salt Lake Tabernacle (heute ein großes Chorgebäude) und ein großes Verwaltungsgebäude beherbergt und das riesige Konferenzzentrum der Kirche. Die fast schon legendäre Familiy History Library (wen sein Stammbaum genauer interessiert) ist auch tatsächlich vorhanden.
An diversen anderen Kleinigkeiten wie beispielsweise Namen von Institutionen (Zions Bank zum Beispiel) bemerkt man den Einfluss der Kirche.
Die Missionierungsversuche halten sich allerdings in Grenzen, angesprochen wurden wir nur im Temple Square und selbst hier war das ganze nicht wirklich aufdringlich.

Insgesamt fand ich Salt Lake City wirklich schön, auch die schnellen und recht heftigen Wetterumschwünge (teilweise hat es sogar geschneit) finde ich persönlich eher angenehm als störend.

Die jährliche ASMS Konferenz ist groß. Auch diesmal waren wieder etwa 5000 Teilnehmer dabei, was die Wahl der möglichen Austragungsorte einigermaßen einschränken dürfte, schließlich muss eine Stadt ein ausreichend großes Konferenzzentrum ihr eigen nennen.
Sie ging diesmal 4 ganze Tage, von Montag bis Donnerstag (den Sonntag mit der Einführungsveranstaltung rechne ich mal nicht als richtigen Konferenztag mit). Die Größe der Veranstaltung wird vor allem an einer Zahl deutlich: Jeden der vollen Konferenztage wurden, neben dem Vortragsprogramm über 600 wissenschaftliche Poster gezeigt (unter anderem auch von unserer Gruppe). Ich muss zugeben, dass ich nicht weiß ob es noch viele naturwissenschaftliche Konferenzen ähnlicher Größe gibt, aber es würde mich überraschen, wobei ich gerade eben vom AGU Fall Meeting gelesen habe, dass noch dreimal so groß ist. Vielleicht überschätze ich das ASMS Meeting auch.

Dennnoch ist die Größe bemerkenswert weil “Massenspektrometrie” kein Thema ist, mit dem die breite Öffentlichkeit viel anfangen kann. Die Diskrepanz zwischen der wissenschaftlichen Bedeutung der Massenspektrometrie und der Bekanntheit in der Öffentlichkeit ist enorm. Die allermeisten Menschen dürften den Begriff wohl aus den diversen Geschmacksrichtungen von CSI kennen, in der MS (neben Gas bzw. Flüssigkeitschromatographie) regelmässige Hilfe bei der Ermittlung der lokalen Schwerverbrecher leistet.
Wenn dies für MS gilt, denke ich mit Schrecken an das doch arg begrenzte Weltbild welches mir zur Verfügung steht. Wie viele interessante Dinge entziehen sich in gleicher Weise mir?

Die Themenvielfalt der ASMS ist ebenso groß wie die Veranstaltung. Das Spektrum umfasst akademische chemische Analytik, Prozessanalytik, Umweltanalytik, Weltraumforschung, Halbleiter Forschung, Oberflächenanalytik, Biologische Grundlagenforschung, grundlegende und angewandte Medizinanalytik, Rohstoffforschung, Instrumentenentwicklung, Ionenquellenentwicklung, Software, nur um die Sachen zu nennen, die mir gerade spontan einfallen.
Diese Themen sind aber quantitativ sehr ungleich: Neben dem riesigen Haufen an Biologie- und Medizin-”Kram” wie beispielsweise “Proteomics” also Proteinanalytik / Stoffwechselwegeforschung und MS-Imaging, also der ortsaufgelösten Massenanalyse, werden alle anderen Themen zu Kleinkram. Dieser Bioanalytikbereich umfasst weit mehr als die Hälfte des Gesamtprogramms (würde ich zumindest aus dem Bauch heraus schätzen)
Das sind mit Sicherheit alles interessante und wissenschaftlich wertvolle Arbeiten, nur haben sie rein gar nichts mit dem zu tun was unsere Gruppe den lieben langen Tag macht. Für mich persönlich sind diese Sachen kaum interessant, schließlich werden meist gut bekannte kommerzielle Instrumente mit für uns uninteressanten Ionisationsmethoden (Elektrospray oder MALDI) benutzt und von Protein-Pathways und ähnlichem Zeug habe ich nur sehr begrenzt Ahnung.
Auch der “Rest” gibt einem allerdings mehr als genug Futter für sein Hirn. Insgesamt merkt man, dass das Interesse an Grundlagenthemen zunimmt. In zunehmenden Maße versuchen Gruppen grundlegend zu verstehen was in Ionenquellen vor sich geht.

Für uns war die ASMS sehr erfolgreich. Wir haben sehr viel wertvolles Feedback erhalten, viele neue Kontakte geknüpft und konnten Interesse an unerer Arbeit wecken. Zweifellos ist die "ASMS" der Höhepunkt unseres Wissenschaftsjahres.

Jetzt geht es wieder an die Arbeit im heimischen Labor, schließlich wollen wir nächstes Jahr auch wieder was zu zeigen haben und das einmal erreichte Niveau soll man ja auch halten.

Nur eine Sache werde ich nie verstehen: Warum stellt die ASMS die Mitschnitte der Vorträge nicht einfach für Konferenzteilnehmer und Mitglieder dauerhaft zur Verfügung? Statt dessen hat man ein Zeitfenster von nur 2 Monaten um die Streams anzuschauen. Speicherplatz ist so spott billig inzwischen, solche künstlichen Beschränkungen ärgern mich immer.