Die Schonungslosigkeit der Zahlen

Die Welt ist asymmetrisch und das Netz macht das für jeden erfahrbar. Der vielbeschworene Informations-Overkill ist für jeden offensichtlich, der sich im Netz bewegt. Es ist vollkommen unmöglich jede interessante Meldung, Forenbeitrag, Bild, Video, wissenschaftliches Paper, Software-Werkzeug, Programmiersprachem, Hörspiel oder was auch immer sonst noch im Netz umherfliegt auch nur flüchtig wahrzunehmen.
Dieser Fakt macht Filtermechanismen nötig und in der Diskussion im Netz wurde die Thematik welche Filter sinnvoll und nötig sind schon oft und umfangreich behandelt.

Es gibt aber auch eine anderen Aspekt, der durch das Netz offenbar wird: Potentiell ermöglicht das Netz potentiell jedem der Netzzugang hat zu einer Quelle für Inhalte zu werden, die Realität aber ist von einer krassen Asymmetrie gekennzeichnet. Die allermeisten aktiven, also Inhalte produzierenden, Teilnehmer am Netz erreichen niemals eine nennenswerte Reichweite. Ich denke der Grund dafür ist die einfache Tatsache, dass Popularität beziehungsweise Reichweite im Netz eine Art Gravitation ausübt, Reichweite zieht weitere Reichweite an. Ich persönlich glaube, dass dieser Mechanismus sehr tief in den Netzteilnehmern verankert ist und sich kaum auflösen lässt. Es kann nicht jeder im Netz zum Sender mit großer Reichweite werden, wenn jeder sendet, kann man nur wenige Zuhörer haben. Die wenigen Teilnehmer die eine wirklich große Reichweite erreichen, verbinden fast immer außergewöhnliches Talent, großen persönlichen Einsatz und Glück miteinander, es ist ganz einfach nicht besonders wahrscheinlich, dass man selbst zu dieser Gruppe gehört.

Letztlich bleibt (zumindest momentan) als realistisch zu erreichende Rezipientengruppe nur das persönliche Umfeld, die Peer-Group. An sich ist das auch nicht weiter tragisch, das schmerzhafte am Netz allerdings ist die Schonungslosigkeit mit der es die Begrenztheit der eigenen Reichweite und Bedeutung in einigen wenigen Zahlen offenbart.

Die Anzahl der Kontakte im Instant-Messenger, die Anzahl der Retweets und Follower, die Anzahl der Downloads eigener Inhalte, Visits auf dem eigenen Blog, die Zahl der Zitationen des eigenen wissenschaftlichen Papers, diese Zahlen zeigen die eigene Reichweite in kühler, exakter Klarheit.
Das Netz macht so die zeitliche, räumliche und intellektuelle Begrenztheit des Individuums auf drastische Weise bewusst.

Man muss damit leben, dass verschwinden könnte ohne das jemand davon Notiz nimmt, man muss damit leben, dass man mit hoher Wahrscheinlichkeit keinen signifikanten Eindruck auf der Welt hinterlassen wird.

Nicht immer ist das einfach zu ertragen.