Esoterik in der ARD - Menschen bei Maischberger

Ich bin kein Journalist und auch kein Mitglied der Redaktion einer Fernsehsendung, dennoch gehe ich davon aus, dass niemand in eine Fernsehtalkrunde zufällig eingeladen wird. Jeder Gast in einer solchen Runde hat eine bestimmte Rolle die er spielt und je nach Konzept der Sendung lässt die Redaktion möglichst gegensätzliche Rollen aufeinandertreffen. Typischerweise sind in solchen Runden also die Extreme versammelt und dürfen sich zu unserer Erbauung eine definierte Zeit lang verbal aufeinander einschlagen.

Perfektioniert wurde dieses Prinzip unter anderem durch die Redaktion der Sendung "Menschen bei Maischberger". Offenbar nutzt man dort immer dann diesen Ansatz wenn Peter Scholl-Latour und Helmut Schmidt keine Zeit haben, setzt dementsprechende Themen und lädt entsprechende Leute ein.

Geradezu bizarr war die Sendung vom 05.01.2010 mit dem Titel "Seher und Propheten: Geheimwissen oder fauler Zauber?", welche sich in der ARD-Mediathek (noch) ansehen lässt.

Anwesend waren als Gläubige an das Übersinnliche:

  • Viorica Winterling, eine Hellseherin (Karten, Hand, Kaffeesatz)
  • Lilo von Kiesenwetter, eine rheinländische Wahrsagerin
  • Alexa Kriele, eine "Engelsdolmetscherin"
  • Jürgen Fliege, ehemaliger TV-Plauder Pfarrer, welcher sich auch "gerne mal esoterisch beraten lässt"

Als Kritiker waren anwesend:

  • Heike Dierbach, die vor Esoterischen Lösungen von psychischen Problem warnt und ernsthafte Therapien verteidigt
  • Amardeo Sarma, der GWUP Gründer, ein ernsthafter Kritiker an übersinnlichen Selbsttäuschungen und Scharlatanen

Es fällt schon von an Anfang an das offensichtliche Ungleichgewicht zwischen Gläubigen und Kritikern auf und due Befürchtungen die ich bei der Ankündigung der Sendung hatte sollten noch übertroffen werden. Nicht nur, dass mehr Gläubige in der Runde saßen, diesen wurde auch noch überproportional Zeit für ganz offensichtlichen Unsinn eingeräumt. So durfte Frau Winterling ersteinmal Frau Maischberger aus dem Kaffeesatz (!) lesen und schwadronierte über die "Telepathische Verbindung" zwischen Frau Maischberger und dem Kaffeesatz. Dann steigt Jürgen Fliege ein und bekommt (nachdem er sagt, dass man sich wenn man zwischen Himmel und Erde unterwegs ist, kundig machen soll; Ein Ratschlag der er selbst beherzigen sollte) die Karten gelegt. Dann wird der (ganz offensichtlich leicht irritierten) Moderatorin aus der Hand gelesen, bevor Lilo von Kiesenwetter in die Sendung eingeführt wird. Zu diesem Zeitpunkt sind 13 von 73 Minuten Sendezeit verstrichen, was schon fast 20% der Sendung sind.

Frau von Kiesenwetter darf dann einige Allgemeinplätze über das kommende Jahr absondern bevor erst in Minute 21 der Kritiker Sarma das was man Realität nennt in die Runde einbringt. Erst nach einem guten Drittel der Sendung wird also dem esoterischen Blödsinn etwas entgegengesetzt.

Dies ist symptomatisch für die ganze Sendung. Den Esoterikern und Engelsgläubigen wurde viel zu viel Platz eingeräumt, der Moderatorin entglitt die Sendung stellenweise und ganz offensichtlicher Unsinn blieb viel zu oft widersprochen.

Während die beiden Wahrsagerinnen eher lächerlich und verschroben wirkten, beschwor das Gespann Fliege / Kriele mit ihrem pseudoreligiösen Geschwafel das Bedürfnis in mir herauf, schreiend in das Studio zu rennen und die Sendung zu beenden. Allerdings war dies auch der einzige Teil der Sendung, wo zumindest Frau Kriele auch von Moderatorenseite etwas entgegengesetzt wurde. Zu schön zu sehen, wie Frau Kriele ihre (ja nur von Engeln eingeflüsterten) Weisheiten aus ihrem Buch, dass AIDS-Kranke ihre Situation durch Vergehen in früheren Leben ausgesucht hätten um die Ohren fliegen. Weiterhin ist sie der Meinung das ein Mißbrauchtes Kind ja auch immer Täter sei. Wie praktisch ist es, dass die Engel, die von ihr ja nur gedolmetscht werden, einen "so viel größeren Bogen spannen". Ob man diesen Engeln im TV so ein Forum liefern muss ist allerdings eine andere Frage.

Eine schöne Analyse, vor allem dieses zweiten Teils der Sendung in der dann auch noch Jügen Fliege zu seiner Höchstform aufläuft (Heiler müssen mich primär "lieb" haben) hat Thilo Maluch bei der Welt verfasst. Die GWUP zeigt auf, dass Herr Fliege auch in seiner Zeit als TV-Pfarrer schon immer Esoteriker war.

Insgesamt empfinde ich die Sendung zu großen Teilen als intellektuelle Beleidigung und sowohl der Moderatorin als auch ihrer Redaktion als unwürdig. Ich empfinde sie als tendenziös. Man muss nicht jedem der irgendeinen übersinnlichen Blödsinn behauptet ein Forum im Rundfunk geben und wenn man schon solche Leute dann doch einlädt, dann sollte man sie auch wirklich durch eine angemessene Zahl von Kritikern und entsprechendes Verhalten des Moderators argumentativ herausfordern.

Noch ein Nachtrag: Die Frankfurter Rundschau hat auch eine Kritik zur Sendung geschrieben.