Post Privacy, Datenschutz und ein Gespräch im Funkhaus

Ich habe gestern den Podcast der Funkhausgespräche bei WDR5 gehört, der Titel der Folge war “Facebook, Google, Staat & Co. - Wie viel Privatsphäre brauchen wir?”. Es diskutierten Julia Schramm, Constanze Kurz  und Michael Kretschmer

Eine der Kernfragen, und der zentrale Konflikt zwischen Constanze Kurz und Julia Schramm war die Frage nach Nutzen und Risiko von persönlichenm freigegebenen Daten. Wie zu erwarten, bezog Julia Schramm die, etwas überspitzte, Position, dass man im Grunde persönliche Daten ungefiltert freigeben könne.

Constanze Kurz hingegen vertrat die übliche, altbekannte Position, die auch im “Datenfresser” Buch zum Ausdruck kommt: Die kommerzialisierten Unternehmen sind ein grundsätzliches Problem, man sollte wenig von sich preisgeben und Pseudonyme benutzen, zu viele persönliche Daten im Netz sind grundsätzlich gefährlich und Post Privacy Positionen (und damit auch ihre Autoren) sind grundsätzlich naiv.

Mal davon abgesehen, dass ich die Art und Weise wie Kurz, Rieger und Co mit Andersdenkenden umgeht gelinde gesagt arrogant finde (Stichwort “Spacken”), so ist doch offensichtlich, dass beide Seiten unrecht haben, denn es ist vollkommen unvorhersehbar, ob persönliche Daten im Netz eher nützen oder schädlich sind.

Weder können die Datenschützer plausibel argumentieren, dass eine Sammlung persönlicher Daten mit hoher Wahrscheinlichkeit schädlich für ein Individuum ist oder der Schaden den Nutzen der Daten zumindest mit Sicherheit überwiegt, noch kann die Post Privacy Fraktion (deren Position von Kurz, Rieger und Co aus meiner Sicht bewusst und systematisch missverstanden werden) glaubhaft argumentieren, dass das Gegenteil der Fall ist. Es geht aber noch weiter: Relativ mühelos lassen sich hypothetische Beispiele finden, die aufzeigen, dass auch das Fehlen persönlicher Daten im Netz schädlich für ein Individuum sein könnte. Wenn ich keine persönlichen Daten ins Netz stelle, nehme ich mir auch die Chance, dass diese Daten mir jemals nützen. 

Das Fazit ist, die eine Seite hat nicht “mehr Recht” und die andere ist nicht naiv, sondern beide Seiten spekulieren in eine vollkommen unvorhersehbare und chaotische Zukunft hinein und benutzen dabei Begrifflichkeiten (“nützen”, “schaden” etc.), die bestenfalls unscharf sind.

Es gibt kein richtig oder falsch in dieser Frage, man kann nur seinen persönlichen Weg finden und muss gezwungenermaßen eine Wette auf die Zukunft abschließen. Wenn man dann noch beobachtet, dass Pseudonymisierung bzw. Anonymisierung angesichts der fortschreitenden technischen Entwicklung immer schwieriger und der nötige Aufwand die Privatssphäre zu schützen immer größer wird, ist man bei der Grundthese der Post Privacy “Bewegung”.

Jemand, der nur auf eine andere Zahl auf dem Roulette Tisch setzt, als naiv und dumm zu bezeichnen, ist genau das: Dumm.