Was kann man veröffentlichen?

Wissenschaft basiert auf offener und freier Kommunikation. Zentrales Element ist die Veröffentlichung in einem Fachmedium, ihr Zeitpunkt und ihre Form. Das Ziel ist, ein interessantes Forschungsergebnis vor allen anderen an möglichst prominenter Stelle zu veröffentlichen. Die Währung im Forschungsbetrieb ist Aufmerksamkeit und das sichtbare Zeichen der Anerkennung einer Veröffentlichung ist das Zitat.

Ähnlich verhält es sich auch im Netz. Wenn man etwas in die große weite Netzwelt wirft, möchte man natürlich, dass andere darauf aufmerksam werden. Inhalte wie Blogs werden vor allem durch viele Leser relevant, das wichtigste Werkzeug einen anderen Inhalt anzuerkennen ist das Zitat in Form eines Links. Die grundlegende Währung ist also in beiden Welten die gleiche. Insbesondere in der Blogosphäre sind natürlich auch die öffentlich sichtbaren Kommentare, also ihre Anzahl und ihre Form, ein wichtiger Indikator für die Relevanz und die Reichweite eines Blogs.

Grundsätzlich passen wissenschaftliches Arbeiten und öffentliche netzgestützte Kommunikation über die diversen Kanäle (Blogs, Twitter, identi.ca, Facebook was auch immer) also sehr gut zusammen. Was könnte es schöneres für uns Wissenschafts-Nerds geben als mit Leuten die freiwillig auf unsere Seiten kommen zu kommunizieren?

Wissenschaft ist aber natürlich auch Konkurrenz, der faire Wettbewerb mit anderen Arbeitsgruppen stellt, neben dem Drang zum Erkenntnisgewinn, eine wichtige Triebfeder in der wissenschaftlichen Arbeit dar. Diese beiden zentralen Aspekte stehen sich allerdings manchmal diametral gegenüber.

Die Chemie scheint diesbezüglich ein besonders schwieriges Fach zu sein. Als ich vor kurzem die November / Dezember 2009 Ausgabe des Chemie Podcast von Nature gehört habe wurde ich wieder einmal auf diesen Umstand gestoßen. Im Gegensatz zu anderen Naturwissenschaften wie der Physik, die eher die Natur beobachten und das Beobachtete beschreiben, ist vor allem die synthetische Chemie viel mehr Handwerk. Statt Objekte zu beobachten und zu untersuchen, werden hier die interessierenden Moleküle neu geschaffen. Oft genug ist allein das Wissen und die Erfahrung um die Synthese eines bestimmten Moleküls schon äußerst wertvoll, insbesondere im pharmazeutischen kommerziellen Umfeld sind effiziente Synthesewege enorme Summen wert.

Vor einem solchen Hintergrund ist verständlich, dass viele Chemiker (insbesondere die Synthesechemiker unter uns) ungern über „inoffizielle“ Veröffentlichungen anderen ihre Kniffe und ihr synthetisches Know How weitergeben oder andere Forschergruppen auf eine interessante Molekülklasse aufmerksam machen bevor die eigenen „offiziellen“ Veröffentlichungen in Fachzeitschriften gelandet sind.

Als jemand der aus dem wissenschaftlichen Betrieb heraus bloggt, steht man mitten in diesem Spannungsfeld. Man möchte man auf der einen Seite so viel wie möglich den interessierten Besuchern des eigenen Blogs aus dem Forschungsalltag mitteilen. Andererseits arbeitet man in einem Team in dem sicherlich nicht jeder die eigene offene Einstellung teilt und man steht natürlich auch in Konkurrenz zu anderen.

Diese Mentalitätsunterschiede innerhalb des eigenen Teams sind mir vor einiger Zeit an einem exemplarischen Erlebnis klargeworden: Ich schreibe zur Zeit ein Datenerfassungsprogramm für ein atmosphärenchemisches Messsystem, welches in unserer Arbeitsgruppe entwickelt wurde. Ich persönlich würde den Quellcode dieses Programms freigeben und die Software unter eine passende Open-Source-Lizenz stellen. Für mich ist dies ganz natürlich, die Benutzer des Systems sind Experten und es erscheint mir unwahrscheinlich, dass ich die Bedürfnisse der Anwender mit meiner Entwicklung wirklich exakt treffen konnte. Bei einem offnen Programm können Anpassungen und Erweiterungen von den Anwendern leicht bewerkstelligt werden. Andere in diesem Falle verantwortliche Mitglieder unserer Arbeitsgruppe waren hingegen strikt gegen die Veröffentlichung des Quelltextes, da die Feinheiten der an sich schon in einem Artikel veröffentlichten Datenauswertung geschützt werden sollen, letztlich um einen Vorteil im wissenschaftlichen Wettbewerb zu behalten.
Ich kann diesen Gedanken zwar vollkommen verstehen, dennoch ist es nicht meiner. Für mich persönlich finde, dass der Nutzen einer Veröffentlichung der Sources die Nachteile deutlich für unsere Arbeitsgruppe deutlich überwiegt.

Letztlich wird die Entscheidung was hier wie veröffentlicht wird immer eine Gratwanderung zwischen den verschieden Interessen bleiben.